08


TOTÓ

 

 

 

Austria 2007-2009 / DV-35 mm / black and white / 1:1,85 / Dolby Digital

original version german- italian with english or italian subtitles / running time: 128 min. (25f/s)
cast: Antonio Cotroneo, Angela Simonelli, Gaetano Dimarzo, Melo De Benedetto and many others
collaboration: Maria Schreiner
concept, realisation, cinematography, editing: Peter Schreiner

supported by: Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Wien-Kultur

world distribution:  echtzeitfilm  /  sixpackfilm

 

 

Diagonale - Award for Best Cinematography, Documentary film 2009/10

 

BIG STAMP - Award for Best Regional Film, Int. Documentary Film Festival ZagrebDox 2010, Croatia


winner of  the "Critical Eye Screening", Lume International Filmfestival 2011, Brazil

 

 

Venice Film Festival 2009 / Italy  (International Premiere, nomination for orizzonti doc award)

International Film Festival Viennale 2009 / Austria

Duisburger Filmwoche 2009 / Germany

International Filmfestival Rotterdam 2010 / The Netherlands

Mostra de cinema de expressão alemã, Lisboa 2010 / Portugal

Mediterranean Experience Festival, Reggio-Calabria 2010 / Italy

International Documentary Filmfestival ZagrebDox 2010 / Croatia

Bradford International Filmfestival 2010 / Great Britain

Diagonale 2010, Graz / Austria

Jeonju International Filmfestival 2010 / South Korea

Buenos Aires Independent Filmfestival 2010 / Argentinia

European Film Week Tehran 2010 / Iran

Transilvania International Filmfestival 2010 / Romania

Cinédécouvertes Competition 2010 / Belgium

International Filmfestival Kino Otok - Cinema Isola 2010 / Slovenia

dfi-Symposium "Töne sehen - Bilder hören", 2010, Köln / Germany

International Filmfestival "Saratov Sufferings" 2010, Saratov / Russia

International Filmfestival DocLisboa 2010 / Portugal

International Filmfestival Denver 2010 / United States

Italian American Institute, New York, 2010 / United States

Lendwirbel-Festival, Graz 2011 / Austria

European Film Days 2011, Tokyo / Japan

Lume International Filmfestival 2011 / Brazil

International Film Festival "anuu-ru-aboro" - A Man`s Shadow 2011, Pweedi Wiimia / New Caledonia,
Cinemigrante International Filmfestival 2016, Buenos Aires / Argentina (as part of  Focus Peter Schreiner)

 

Okto-TV, "Oktoskop", 2011

 

cinema release: Filmhauskino, Vienna, march/april 2010 

Totó - Peter Schreiner echtzeitfilm    austrian film    austrian movies    austrian experimental cinema
TOTÓ echtzeitfilm

das verlorene „einfache Leben“

Totó hat als jugendlicher Rebell seinem Geburtsort den Rücken gekehrt. Seit damals steht er zwischen den Welten, mit seiner Sprache, mit seinen Gefühlen, mit seinen Träumen. Geboren im kalabresischen Tropea, seit dreißig Jahren verheiratet mit einer Wienerin, lebt er heute als Emigrant in Wien. Mit seinem fünfzigsten Lebensjahr wird die Sehnsucht nach seinem Heimatort, das Gefühl, etwas verloren zu haben, so groß, dass Totós Gedanken immer stärker um seine Kindheit und Jugend in Süditalien kreisen. Während seiner Tätigkeit als Billeteur im Wiener Konzerthaus tauchen Erinnerungen auf - an das verlorene „einfache Leben“, an längst vergessen geglaubte Gefühle und Begegnungen. Totó, der mit dem Gedanken an eine Rückkehr spielt, auf der Suche nach sich selbst, in Wien und auf dem "Borgo", der Straße seiner Kindheit, die dort endet, wo eine Steintreppe hinunter zum Meer, zur großen Freiheit führt...

Peter Schreiner echtzeitfilm TOTO     austrian film    austrian movies    austrian experimental cinema   österreichischer Film
TOTÓ echtzeitfilm Antonio Cotroneo

die Zeit steht still

„Totò“ ist ein Film reiner Kontemplation. Die Zeit steht still und die inneren Stimmen flüstern uns ins Ohr. Toto, der zwischen zwei Kulturen lebt, ist auf der Suche nach seinen Wurzeln. Peter Schreiner hatte den Mut, einen formal präzisen Film über eine Person, die wir sonst nie wahrnehmen würden, zu drehen. Er führt uns auf eine innere Reise in die verlorene Identität und Kindheit.


(Jury-Begründung "Big Stamp", bester Film in der Kategorie "Regionaler Film", Internationales Dokumentarfilmfestival ZAGREBDOX'10)

 

time comes to a halt

‘Toto’ is a film of pure contemplation. Time comes to a halt and inner voices seem to whisper into our ears. Toto is on road to his roots, living in between two cultures. Peter Schreiner has the courage to make a formally strict film about a person we would never have noticed, and takes us on an inner journey into lost identity and childhood.

(BIG STAMP in Regional Competition, International Documentary Film-Festival ZAGREBDOX'10)

Peter Schreiner echtzeitfilm TOTO    austrian film    austrian movies    austrian experimental cinema
TOTÓ echtzeitfilm

neue Räume für eigene Gedanken

Regisseur und Kameramann Peter Schreiner schafft es, das Fern- und zugleich Heimweh von Totó in Bilder zu fassen, die jenseits jeglicher filmischer Konventionen liegen. Er arbeitet mit bewussten Auslassungen, die Räume eröffnen und Zeit lassen für Gedanken und Gefühle. Er setzt wunderschöne Schwarzweißbilder ein, die in einem Wechselspiel von Vorder- und Hintergrund, von Schärfe-Unschärfe sowie extremen Großaufnahmen, eine visuelle Dramaturgie und Poesie entstehen lassen. Seine ungewöhnlich starke Bildsprache ermöglicht somit einen unmittelbaren Zugang zur Hauptperson. Mehr und mehr wird man in die Innenwelt des Protagonisten hineingezogen und gleichzeitig öffnet der Film neue Räume für eigene Gedanken. Peter Schreiner verdanken wir ein Filmerlebnis, das lange nachwirkt.

(Jury-Begründung "Diagonale-Preis Beste Bildgestaltung Dokumentarfilm 2009/2010", gestiftet vom Verband Österreichischer Kameraleute AAC)

Peter Schreiner echtzeitfilm TOTO    austrian film    austrian movies    austrian experimental cinema
TOTÓ echtzeitfilm Antonio Cotroneo

close-up of a man without a home

“Totó”, the film, is rather a catchment basin for the principal character’s thoughts and moods. Schreiner accompanies Totó as cameraman, sound recordist and director on train journeys back to his old hometown. The camera records the details of his face, bushy brows, blinking eyes, sulky protruding lower lip, whilst Totó expresses his own undetermined yearning first in very individual German and then in Italian. The sound is recorded just as close as the image: sometimes it would only be his breath filling the sound track, a sigh, a groan, as if carrying a heavy load. The instrument of language proves unsatisfactory for Totó’s endeavour to grasp the essence of this load. Totó’s world is a world of undertones. Neither serenity nor grief determines his everyday life, but the consistent melancholy of an outsider, who perceives other people’s active lives with sharpened senses but without sharing. Schreiner films Totó working at the Konzerthaus. At a slight angle he leans between marble and mirrors at the steps. As for a boy who grew too fast, the uniform trousers have folds above the ankles. Through the chatting audience flowing down the stairs, the camera gazes at the man holding the programmes: a man alone, lost in his thoughts, detached from the movement of the mass. A sujet of atmospheric alienation similarly recorded by Edouard Manet in his last great painting “Bar at the Folies-Bergère”; the serious looking girl behind the bar of the pleasure temple. Here and there a person being with him/herself in a world of mirrors.
Just like Manet, in his portrait of the present outsider, Schreiner works with the undertones of light. As for all of his work since 1982, he chooses black/white film. The edited film contrasts the nicely polished and marble clad halls of the Vienna Konzerthaus with the rough rocks of Totó’s hometown of Tropea, a collection of houses from the Middle Ages, holding on to a cliff high above the Tyrrhenian Sea. Totó says that this was his home, here he had felt protected. From beneath by the sea. From above by the sky.


(Maya McKechneay)

 

Peter Schreiner echtzeitfilm TOTO
TOTÓ echtzeitfilm

fremd in der eigenen Heimat

Totò ist Antonio. Im kalabresischen TROPEA, wo er in den frühen Fünfzigerjahren geboren und aufgewachsen ist, nannten ihn alle Totò.
Als linker Student der politischen Wissenschaften in den Siebzigern hat er seiner Heimat den Rücken gekehrt.
Nach Jahrzehnten der Flucht vor den dunkel bedrohenden Engen der Kindheit, der eigenen Familiengeschichte, vor dem, was man gemeinhin Heimat zu nennen pflegt,
landet er schließlich in Wien, betritt ein Niemandsland.
Viel an Kraft ist verbraucht. Viele Kanten sind abgeschliffen.
Manchmal herrscht das Gefühl von Müdigkeit und Leere.
Seit einiger Zeit hat sein Fliehen, seine Suche, aber eine neue Wendung genommen.
Zweimal in der Woche steht Totó am Abend im Konzerthaus, als einer der fünfzig Billeteure.
Nur wenig ist hier zu tun. Alles, was zu geben, zu verlieren ist, ist Zeit.
Einmal, als Branduardi in einem der Säle auftritt, hinter den Polstertüren, setzt sich etwas in Totò in Bewegung. In seiner Jackentasche findet er einen zerknüllten, unbeschriebenen Zettel, glättet ihn, und schreibt die ersten Zeilen seit den Jahren seiner Doktorarbeit. Er lässt sich fallen, fällt weit zurück in seinem Gefühl, bis in die eigenen Kindertage, Jugendtage.
Die Wörter fließen in tropeanischem Dialekt auf das Papier.
Ein erster Text entsteht, geschrieben in seiner geliebten, dann verachteten, dann vergessenen Kindersprache.
Totò steht dazwischen. In Wien wird er immer Süditaliener bleiben, in Tropea immer jener, der einst arrogant genug war, woanders Besseres zu vermuten. Die Jahrzehnte im Norden sind nicht spurlos an ihm vorüber gegangen.
Es waren immer mehr die "einfachen" Leute, denen er sich zugehörig fühlte. Totòs Neigung, sehr persönliche Probleme auf einer global-politischen Ebene zu betrachten, ist ein Ergebnis seines "politisierten" Selbstverständnisses, das ihn stets bewogen hat, sich mit den Unterprivilegierten, Leidenden zumindest "im Kopf" zu solidarisieren, ja, letztlich sich selbst als ebenso unterprivilegiert und leidend zu empfinden.
Eine Existenz innerhalb des ritualisierten Lebens der Gemeinschaft erscheint ihm zunehmend unmöglich. Er träumt von Befreiung, Ausbruch, hinein in ein neues Leben, in neue, bisher ungeahnte Möglichkeiten von Beziehung und Koexistenz.
Totò benennt jene Angst, der er in seinem Heimatort begegnet, die aber auch tief in ihm selbst verborgen ist, in Versen:
Angst vor einer Begegnung/ einer Annäherung/ vor einfachen Gefühlen/ Furcht vor Veränderung / Angst zu sprechen/ zu entgegnen, zu träumen/ Angst vor Widerspruch und Ungehorsam / demgegenüber, der dich nur unterdrücken kann./ Angst, dich zu zeigen / leiden, um zu verändern / die alte Welt zu fällen
Ist es die Angst, jedwedes Risiko einzugehen, sich von der schützenden Mutter zu entfernen, Angst davor, abzudriften in die eigene Bedeutungslosigkeit, Leere, Sinnlosigkeit, Angst vor dem Nichts, letztlich vor dem Tod? Und ist für Totò nicht eine neue, vielleicht größere Angst an Stelle der alten, überwunden geglaubten, getreten, unbemerkt, aus der Tiefe?
Eine nicht näher definierbare Angst, eine Angst ohne Namen, bodenlos, als habe man ALLES verloren, verspielt, ohne diese Kinderheimat, die einem ALLES war. Beim Wiedersehen ist die Freude groß, aber die innere Beziehung ist verändert.
Man braucht einander nicht mehr. Zwar bricht dieses Gefühl, in dem Augenblick, in dem man sich sieht, aber: die Zeit ist knapp. Und du bleibst enttäuscht zurück, einsamer als vorher. Ich bin da, aber ohne Wert.
„Ich suche da etwas, das mir immer wieder entgleitet, erlebe, wie das Leben bitter wechselt, die Wege sich trennen. Heute ist jeder Emigrant in seinem Dorf, trägt die Sehnsucht nach einem anderen, dem wahren Leben, mit sich herum. Etwas macht sie fremd in ihrer eigenen Heimat."

 

(Peter Schreiner)

Peter Schreiner echtzeitfilm TOTO
TOTÓ echtzeitfilm

Es gibt nichts zu wissen. Aber alles zu erleben.

Hier ist ein Film, der sozusagen nicht zeigt, was ist, sondern der zeigt, was nicht ist. Und was nicht mehr ist.
Denn Totó hatte — vielleicht rechtzeitig — das Weite gesucht (kannte er Fellinis "I Vitelloni"?): Messina, Milano, Udine, Triest und endlich Wien. Antonios Schicksal, sein privates Leben, es bleibt bei ihm, uns begegnet der Grübler, der Denker, schließlich auch der Schreiber, hier und jetzt.
Tropea, Totós Jugend, so nah und auch so fremd, ihm selbst, auch uns, alles was zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu sagen, nachzuvollziehen ist, spricht hier und jetzt.
Erwarten wir nichts. Keine Wünsche, keine Angst, alles ist, wie es ist und wie es ihm — und der Kamera Peter Schreiners und schließlich uns — erscheint.
Die beiden Männer sind die Zeugen ihrer Mühe, das Wirkliche unmittelbar zu erfahren und die Wahrheiten zu benennen. Es gibt nichts zu wissen. Aber alles zu erleben. Nichts zu behalten, aber alles zu gewinnen.

(Michael Pilz, Falter)

TOTO  echtzeitfilm  Peter Schreiner   österreichischer Film   austrian film
TOTO echtzeitfilm Antonio Cotroneo, Melo De Benedetti

nicht Erzählungen, sondern Erfahrungen

Schreiner folgt dem im Wiener Exil lebenden Totó auf Reisen in die kalabresische Heimat: Eine unbestimmte Sehnsucht treibt ihn an. Schreiners Filme sind nicht Erzählungen, sondern Erfahrungen: In langen Einstellungen und bestechend schönen Schwarz-Weiß-Kompositionen wird tief in die Welt von Totó eingetaucht. Ein außerordentlich bewegender Film.

(Christoph Huber, die Presse)

Peter Schreiner echtzeitfilm TOTO
TOTÓ echtzeitfilm Angela Simonelli

fragments which illuminate

In total I saw 37 feature-length films at this year's Viennale and the ones I would most enthusiastically recommend are Lino Brocka's terrifically hard-hitting urban thriller Jaguar from 1979 - and Totò. (...)It is a documentary of an unusually oblique and challenging kind, following fiftysomething longtime Vienna resident Antonio Cotroneo (nicknamed Totò), as he travels back to his birthplace in Italy. That turns out to be Tropea, a bathing-resort in the southern Italian region of Calabria—also the home town of soccer-player-turned-international movie-star Raf Vallone (1916-2002), and Mafia mobster Albert Anastasia (1957).(...)We occasionally glimpse Totò in what looks like a Vienna concert-hall: is he perhaps a musician, or a conductor, or composer? His ruminant voice-over, meanwhile, suggests he may be a poet, actor, or novelist. Or perhaps he's "just" a bloke—the kind of quietly charismatic, rumpled chap one might find in a bar with a glass in one hand and a well-thumbed hardback in the other. And maybe that's what happened with Schreiner, who—as with Bellavista seems to have a rare knack for stumbling across unusual, engrossing individuals and then expressing their personality via his austere but utterly compelling film-making aesthetic. Here, disorientingly close close-ups alternate with panoramic vistas of Tropea's seascapes and interstitial journeys by diurnal foot or nocturnal train. Schreiner patiently accumulates fragments which illuminate both Totò and Tropea, so that by the end one feels intimately acquainted with both—while acknowledging those certain inaccessible depths which must always lie beyond.


(Neil Young, Bradford International Filmfestival, 2010)

Peter Schreiner echtzeitfilm TOTO   austrian film   österreichischer Film
TOTÓ echtzeitfilm Antonio Cotroneo

ruminations on life and death

Imaginative camerawork and editing turn a simple homeward journey into a stunning work of documentary art.
VIENNA -- Though he's bafflingly unheralded outside his native Austria -- and not exactly a household name even within its boundaries -- Peter Schreiner confirms his status as one of Europe's finest living documentarians with his superb, poetic "Toto." Taking a challenging and radically unconventional approach to seemingly unremarkable material -- a middle-aged man travels from his home in Vienna to his Italian birthplace -- Schreiner's intense attention to detail yields startling sensory magic from everyday sights and sounds.
Maximum festival exposure is fully deserved, ideally alongside retrospectives allowing adventurous audiences the chance to discover this master for themselves. Arthouse distributors seeking cutting-edge fare really must check it out, even though it isn't exactly an easy "sell" in the current economic climate.
The protagonist, Antonio Cotroneo, is no celebrity, and even after 128 minutes of crisp monochrome video, we're still not quite sure exactly what he does for a living. There are no captions to guide us, no voice-over but just an expertly-organized mosaic of fragmentary scenes in which we observe Toto (as Cotroneo is known to his friends) in a variety of settings. These include the opulent spaces of his work-place, Vienna's Konzerthaus; the sun-baked streets, bars and beaches of his birthplace Tropea, a bathing and fishing resort way down in Calabria; and the train that transports him from the former to the latter.
The soundtrack is filled with Toto's ruminations on life and death, explorations of his personality and sometimes just the sound of his breathing. Schreiner's tripod-mounted camera gets close enough to examine the pores and wrinkles on Toto's world-weary face -- the image is frequently cropped at disorienting angles, catching us off guard and forcing us to see the world through Schreiner's eyes and Toto's mind.
A resident of Vienna for some decades, Toto is clearly a reflective, philosophical chap, an intellectually restless maverick who takes life seriously. But Schreiner provides welcome changes of tone by interviewing elderly members of the Cotroneo family and various childhood friends including the toothless, scene-stealingly garrulous Melo de Benedetto.
By accumulating oblique "strokes," Schreiner painstakingly constructs a piercing study of an individual and his environments. While some may balk at his refusal to impart seemingly crucial information, even they will surely concede the stark beauty of his images and soundscapes.
Pretty much a one-man show in creative terms, "Toto" showcases Schreiner's skills as director, cinematographer, sound-designer and editor. The film is the latest organic addition to a sparse but impressive body of work -- most recently 2006's similarly striking "Bellavista" -- that reveals Schreiner's passionate and empathic fascination with outsider figures, especially those who express their difference through unusual forms of language. Toto Cotroneo, for example, is heard composing poetry in the unusual Tropea dialect. And, while his "day job" at the Konzerthaus is, we realize, a relatively mundane one, he's treated here with the dignity and gravitas appropriate for a Nobel Laureate.

(Neil Young, 2009)

TOTO  echtzeitfilm  Peter Schreiner
TOTO echtzeitfilm Antonio Cotroneo

a work of ostranye

One other excellent “in-between” film on view at BAFICI, Totó, directed by Austrian Peter Schreiner, and shown in the “Careers” section of the Panorama is very hard to classify. The title character is a real person, Antonio Cotroneo, who was born in Tropea, Calabria, Italy and who returns home after a long sojourn in Vienna. We learn this information from the press kit, and can gradually understand who he really is through watching and listening to the film. But Schreiner’s digital, black and white film is more concerned with looking—at and past Totó—and listening—to Totó talking in Italian to his friends in Tropea, and talking to the filmmakers in German—than documenting a person’s life. Totó is a work of ostranye, where what is familiar is shown in a strange way, so that the viewer sees things from a different perspective. Often, the eyes of the protagonist are shown in extreme close-up, and his face is invariably viewed only partially, very close to the camera, and often in oblique angle. We are encouraged to look past him into the depth of the frame, and sometimes he is not in the frame at all, and we wonder what is generating, let’s say, an extreme high angle view of the beach. Surely Cotroneo is not seeing what the camera sees here, but we imagine him being close by. Indeed, on the evidence of this film, Peter Schreiner is surely a major filmmaker worthy of greater study (...)

(Peter Rist, offscreen, 2010)

TOTO  echtzeitfilm  Peter Schreiner
TOTO echtzeitfilm Antonio Cotroneo

cropped unexpectedly

More formally daring was Totó. This was the first Peter Schreiner film I’ve seen, and on the basis of this I’d say his high reputation as a documentarist is well-deserved. Without benefit of voice-over explanations, we follow Totó from his day job at the Vienna Concert Hall (is he a guard or usher?) to his hometown in Calabria. The film is an impressionistic flow registering his musings, his train travel, and his conversations with old friends, many of the items juggled out of chronological order.
Schreiner avoids the usual cinéma-vérité approach to shooting. Instead the camera is locked down, the framing is often cropped unexpectedly, and the digital video supplies close-ups that recall Yousuf Karsh in their clinical detail. We see pores, nose hair, follicles at the hairline; the seams of sagging eyelids tremble like paramecia. In addition—though I won’t swear that Schreiner controlled this—the subtitles hop about the frame, sometimes centered, sometimes tucked into a corner of the shot, usually with the purpose of never covering the gigantic mouths of the people speaking. All in all, a documentary that balances its human story with an almost surgical curiosity about the faces of its subjects. The Jean Epstein of Finis Terrae would, I think, admire Totó.

(Kristin Thomson and David Bordwell, Observations on Film Art, 2010)

TOTO  echtzeitfilm   Peter Schreiner
TOTO echtzeitfilm

a modern “cinema of attractions”

Peter Schreiner’s Totó, in its own way a modern “cinema of attractions”, burrows deep into its loose situational premise – an Austrian travels back to his Italian homeland – in order to liberate the medium’s descriptive capacity, etching faces, gestures, atmospheres, moods ...

(Adrian Martin, IF-Catalogue, 2010)

Peter Schreiner echtzeitfilm TOTO
TOTÓ echtzeitfilm Gaetano Dimarzo

TOTÓ. Notizen von Michael Pilz.
Wenn wir filmisch denken, denken wir meist in Bildern. Selten in Tönen. Die gehören eher dem Radio. Obwohl viel mehr Nerven das Hören unterstützen als das Sehen. Deshalb trifft uns das, was wir hören, viel tiefer. Wir spüren es, körperlich, nicht immer sind wir uns dessen bewusst.
Es ist eine lange und mitunter traurige Geschichte, die zu erzählen wäre, warum Sichtbares mehr Anerkennung als Unsichtbares findet (und als Hörbares), warum Vordergründe oft wichtiger sind als Hintergründe, Oberflächen mehr bedeuten als das Darunter und wie das eine zur Haupt- und das andere zur Nebensache erklärt wird. Kaum jemand, der nicht unwillkürlich Begegnungen und Erfahrungen bewertet. Schließlich kränkt es, wenn wir nicht unseres Wesens, sondern z.B. unserer Leistungen wegen beachtet werden. Von Liebe ist da noch lang keine Rede.
1982 war ich mit meinem Film "Himmel und Erde" zum Festival in Aurillac eingeladen. Enrico Fulchignoni, damals UNESCO–Präsident, sprach in der Eröffnungsrede davon, dass Film, einerseits als Ware und Bedeutung, bald nach seiner Erfindung in Richtung Kommerz und Massenkultur gedrängt wurde, einfach deshalb, weil viel Geld damit zu machen war, dass aber ungeachtet dessen ein gewisses Bewusstsein und damit auch gewisse Filme — als künstlerischer Ausdruck, als Zeugnis persönlicher Erfahrungen, die nicht von Massen geteilt werden — überlebten.
Seit nun mehr als hundert Jahren etablierte sich ein Bild des Films — oder des Kinos, wie wir auch sagen —, das mehr oder weniger am Gängelband seiner "künstlerischen Eltern" hängt und sich davon nicht und nicht löst, von Photographie, Malerei, Schauspiel, Musik, Literatur, all dem, was dem Film — als autonome, künstlerische Ausdrucksform —vorausging. Nur in Sternstunden und oft wie nebenbei (ohne großes Tamtam, das die Gier nach Ruhm und Mehr seit eh und je begleitet, wohl um sich selbst und alle anderen auch über die Unbotmäßigkeit solches Tuns zu täuschen), gelang es dem Wesen Film, sein Erbe zu einer gänzlich neuen und wahrhaft–eigenständigen Kunstform zu amalgamieren, zu vereinen, so wie wir uns, unter günstigen Vorzeichen, emanzipieren und erwachsen werden. Doch diese autonomen Filme hatten und haben es in einer mehrheitlich unerwachsenen und von pekuniären Interessen dominierten Umgebung nicht leicht. Filmmuseen und Filmfestivals alleine können die strukturellen Mängel nicht wettmachen. Das Internet ist inzwischen eine gewisse Chance, obwohl es das Kino in mehrerer Hinsicht nicht ersetzt.
Die Weltpremiere von TOTÓ fand am 5. September 2009 in der Sala Darsena, im Wettbewerbsprogramm der Reihe Orizzonti, der 66. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica, am Lido von Venedig statt.
TOTÓ ist, im Unterschied zu vielen anderen Filmen, ein Film, der davon lebt, was er verschweigt, was er verheimlicht, was er nicht zeigt, wovon er nicht spricht. Darin liegt Peter Schreiners und Antonio Cotroneos Angebot, ihre besondere Herausforderung, diesen Film so anzunehmen, wie er ist, uns darauf einzulassen, einzustimmen, mitzugehen, Erfahrungen zu teilen, wahrhaft und nicht nur dem Anschein nach und uns so der eigenen Wahrnehmung bewusst zu werden und — vielleicht — uns gewisser Fallen und Fesseln zu entledigen. So wie der Film selbst eine Art Bewusstwerdung und Befreiung darstellt.
Man braucht sich nicht um einen Plot bemühen, es genügt, sich den außerordentlich schönen Bildern (schwarzweiß), den vielleicht noch bedeutenderen Geräuschen (!) und den darin zum Ausdruck kommenden Stimmungen, den mitunter rätselvollen Beziehungen, hinzugeben, frei schwebend, ohne Einzelheiten abzuwägen oder in Frage zu stellen.
TOTÓ ist ein Film, der auf fast schmerzliche, weil besonders präzise Weise, seine Bilder/Bildinhalte und Geräusche sicht- und hörbar macht und überaus deutlich darauf hinweist, um was es — gegenständlich — in Bildinhalten und Geräuschen geht und doch ist es nicht so wichtig, darauf zu achten, was der Film hör- und sichtbar macht, sondern eher, wie dieses, als Ganzes und in all seinen Details, auf der Leinwand erscheint und wie es wirkt, in uns nachwirkt. Ich behaupte, TOTÓ ist ein Film, der in besonderem Maße eigentlich erst in der Imagination seiner Zuschauer und Zuhörer entsteht, vorausgesetzt, diese öffnen sich ihm entsprechend und lassen innerlich zu, was da ist. Offenen Herzens werden sie reich belohnt.
Ein Blick. Ein Augenblick. Du öffnest die Augen und siehst die Welt, so fern, so nah. Augen, Blicke. Sag mir, was du siehst und ich sag dir, wer du bist. Nicht was du siehst, sondern wie du schaust, darauf kommt es an. Denn was du siehst ist eine Folge davon.
Der Kopf eines Engels, mit Flügeln, ohne Körper, gehalten von einem weiblichen Körper, auf dem Schoß. Und Stille. Schweigen. Kein Geräusch. Dann ein bewegtes Gesicht, nah, etwas unscharf, fast außerhalb des Bilds. Die lichte Figur einer Madonna, aufgerichtet und gehalten von mehreren Männern, ihr Gesicht, dann dieses ganz nah, die Augen, der Blick, nach oben, dann der Blick einer Frau, ganz nah, sehr hell, fragend, schweigend, ein Rätsel, still, ein Blick nach außen wie nach innen, bewegt, sich neigend, zur Seite, dann — kurz — verdeckt, und wieder da, Schnitt: Schwarz und ein Geräusch, irgendwo ... in einem fahrenden Zug, Wind, Zikaden, die weisse Schrift "echt.zeit.film", wieder schwarz, dann der links und rechts eingeengte Blick, aus einer Eisenbahn, fahrend, auf Geleisen, vorwärts, oder doch eher zurück?, zwischen hohem Schilf, Bambus, sich im Fahrtwind neigend, genau besehen geht die Fahrt nicht vorwärts, sondern zurück, einer schmalen Brücke entgegen, dann eine männliche Stimme, Italienisch, "dopo – era un'altra vita", Pause, dann Deutsch, "bis zur Kurve habe ich mich immer verstellt ... ich war Totó, dopo quella curva, ... ich war nicht mehr Totó", dann fährt der Zug in eine enge Kurve, dann Schwarz und dann der Name "Antonio Cotroneo", gefolgt von den einzeln aufgeführten Namen anderer Darsteller, schließlich der Titel, TOTÓ. Da überblendet der Ton zu italienischer Schlagermusik, fern, durchmischt mit Meeresrauschen — "film by Peter Schreiner" — und wir sehen mehrere Jugendliche, wie sie sich über eine gewundene Steintreppe hinunter zum Meer bewegen, sie sehen her, sie sehen (uns), wie sie gefilmt werden und scheinen dies auch — unverständlich — zu kommentieren. Die Musik blendet aus, der Blick zeigt das weite Meer, links am Horizont eine Vulkaninsel, im Vordergrund drei hoch aufragende Stangen, vielleicht Bootsmasten, dunkel, bedrohlich. Zwei kleine Fischerboote befahren das windstille Wasser, bis sie das Bild verlassen, rechts, links. Abendlicht über fernen Häusern, Fenster leuchten. Wir stehen auf einem steilen Weg, eine Mauer aus Steinen, wohl gefügt, trennt uns von drüben, ein klarer Schnitt zwischen Welten.
Gleich darauf im Foyer des Wiener Mozartsaals im Konzerthaus. Geräusche der Betriebsamkeit. Spiegel an Säulen, eine Person erscheint, taucht weg, kommt wieder, verschwindet Richtung Mozartsaal. Ein Mann. Das ist Antonio, Totó, er steht, fein gekleidet, an die Wand gelehnt, am Treppenaufgang, er horcht, er wartet, sein Mobile klingelt, er holt es aus der Hosentasche, er sagt, Italienisch, "ich bin im Konzerthaus". Dann ein Blick hinauf, Wände, Säulen, Treppen, hörbar das Proben der Instrumente, der Stimmen, der Krach in der Halle, dann die erste Nahaufnahme: Totós Stirn, das linke Auge, zwinkernd, und dann seine Stimme, mit starkem italienischem Akzent, "und in mir ist die Sehnsucht zurückgekommen", das Auge hart am unteren Bildrand, der Blick unruhig, wie suchend, wie denkend, Totós Haar, sein Ohr, Lärm in der Halle, "und dann habe ich gespürt, mir fehlt etwas", eine Türe, nahe, fällt ins Schloss, ein Gong mahnt zum Einnehmen der Plätze, Schritte nah, unscharf hinter Totó zwei Frauen durchs Bild eilend. Dann mischt sich in den Ton des Foyers das Geräusch von Meeresbrandung und wir schauen aus einer dunklen Höhle, über einen Drahtverhau und darüber geworfene Fischernetze, gegen den von Wolken verhangenen Himmel — TOTÓ ist ein schwarzweißer Film! — und Totó denkt, laut, "der erste Moment war nur Erinnerungen, nichts anderes ... das war's, Erinnerungen ... sie waren beschützt, das ...", und er vollendet den Satz nicht mehr. So denkt er oft in diesem Film in Bruchstücken, in Teilen, von Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen, inneren Bildern, Tönen, Düften ...
Und kurz darauf sagt er, während der Zugfahrt, nachts, "du musst nur erscheinen, aber es ist verboten, dich zu zeigen, wie du bist".
Dann bald eine verwaiste Bahnstation. Tropeia (ein kleines Städtchen an der calabrischen Küste, nicht weit von Reggio und der Meerenge, Sizilien, die Vulkaninsel am Horizont ist Stromboli). Totó wartet, wir warten, mit ihm, nichts geschieht. Blicke verharren, auf eher unscheinbaren Einzelheiten, Beiläufigem, Nebensächlichem. Trotzdem klare Blicke. Haltungen. Standpunkte. Bis auf den Anfang (ohne Ton) bleibt die Kamera unbewegt. Das erfordert Geduld und schafft Vertrauen.

 

Antonio Cotroneo und Peter Schreiner haben gemeinsam diesen Film gemacht. Ein Wagnis des Unvorhersehbaren, ihrer gemeinsamen Reise (mehrerer Reisen) in eigene Geschichten (und Geschichte). Der Film als Dokument. Antonios (Totós) Rückkehr/Einkehr nach Tropeia, dem Ort seiner Geburt, Kindheit und Jugendzeit. Auch das Dokument der Zeichen einer tiefen Freundschaft, die gegenseitige Herausforderungen nicht scheut und in der sie einander wie sich selbst begegnen, der Filmemacher und sein erster Darsteller, offen, ehrlich, um Nähe und um Wahrheit bemüht, jenseits alltäglichen Geplänkels.
Totó, denkend, plaudert nicht. Er lässt sich Zeit und bekommt viel davon (so wie auch wir!). Er macht lange Pausen. Manches lässt er unfertig, halbfertig, kaum begonnen, stehen. Er spricht leise, mehr zu sich selbst. Manchmal unterhält er sich auch mit anderen, mit seiner Tante, mit Freunden, von früher (!).
Die Kamera verharrt auf einem Stück Strasse, auf Totos Gesicht, in Nahaufnahmen seines Munds, der Augen, der Ohren, der Nase, der Wangen, unrasiert, immer wieder aus dem Bild hinaus oder ins Bild herein sich bewegend, manchmal auch nur hörbar und das Bild bleibt unscharf. Der Ton kommt aus dem Unsichtbaren.
Hier ist ein Film, der sozusagen nicht zeigt, was ist, sondern der zeigt, was nicht ist. Und was nicht mehr ist. Denn Totó hatte — vielleicht rechtzeitig — das Weite gesucht (kannte er Fellinis "I Vitelloni"?): Messina, Rom, Milano, Udine, Triest und endlich Wien. Antonios Schicksal, sein privates Leben, es bleibt bei ihm, uns begegnet der Grübler, der Denker, schließlich auch der Schreiber, hier und jetzt.
Tropeia, Totós Jugend, so nah und auch so fremd, ihm selbst, auch uns, alles was zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu sagen, nachzuvollziehen ist, spricht hier und jetzt.
Erwarten wir nichts. Keine Wünsche, keine Angst, alles ist, wie es ist und wie es ihm — und der Kamera Peter Schreiners und schließlich uns — erscheint.
Die beiden Männer sind die Zeugen ihrer Mühe, das Wirkliche unmittelbar zu erfahren und die Wahrheiten zu benennen. Es gibt nichts zu wissen. Aber alles zu erleben. Nichts zu behalten, aber alles zu gewinnen.
TOTÓ lädt uns ein, gemeinsam ein paar Schritte zu tun, ins Unvorhersehbare, ins Unvorhersagbare, dorthin, wo Leben — und auch Kunst — überhaupt erst beginnen und zu sich selbst finden.
TOTÓ ist Film pur, seine Handlung sind seine Töne und seine Bilder und was darin und damit geschieht, hier wurde nichts im voraus ausgedacht und dann bebildert. Was nicht ist, ist nicht und wird nicht vorgetäuscht. Peter Schreiner hat ein untrügliches Gefühl für Wahres und Falsches, für Echtes und für Kitsch und er lässt sich ungern von Dilettanten ins Handwerk pfuschen. Er versucht, weder sich, noch uns, zu beschwindeln. Er riskiert, alles zu verlieren, auch die Existenz des Films, oder zu gewinnen, mit jedem Schritt, mit jedem Blick, mit jeder filmischen Geste. TOTÓ zeugt, wie auch alle früheren Filme von Peter Schreiner, seit 1982, von einer klaren künstlerischen Haltung und Absicht.Seit seinen ersten Arbeiten Anfang der 80er–Jahre hat er seine Filme stets selbst geschrieben, gedreht, vertont, geschnitten, produziert (u.a. Grelles Licht/1982, Erste Liebe/1983, Kinderfilm/1985, Auf dem Weg/1988, I Cimbri/1991, Blaue Ferne/1994, Bellavista/2006). Als er aus persönlichen Gründen und wegen mangelnder Resonanz auf sein filmisches Tun Mitte der Neunzigerjahre das Filmemachen aufgab, beschwor ich ihn, solange weiter zu machen, bis seine Arbeiten auch hierzulande gesehen, gehört und angenommen werden. Ich hatte stets das Gefühl, dass seine Filme zu den wichtigsten zählen, weil sie in die tiefsten Schichten gerade unseres österreichischen Wesens vordringen. Widerstand dagegen ist da vorprogrammiert.
In meiner Laudatio zum Förderungspreis für Dokumentarfilm unseres Kunst und Kulturministeriums, verliehen im März 2009 in Graz, während der Diagonale, dem Festival des österreichischen Films, sagte ich sinngemäß, dass Filmemachen (zumindest für mich) eine Art des Nachdenkens sei, des Philosophierens, über "Gott und die Welt", vor allem aber über die filmischen Mittel, das Filmemachen selbst. Dieses Denken gelte es lebendig zu erfahren, in der Arbeit weiter zu geben und dabei Neues auszuprobieren, Vertrautes zu verfremden, kurz: zu schauen (und zu horchen), wie wir zuvor noch nicht geschaut und gehorcht haben. Weder in die Welt draußen, noch in uns selbst.TOTÓ ist als Film kaum zu be–schreiben. Wir können ihn erleben und im Erleben macht er mit uns etwas, ganz so, wie wir uns ihm nähern, wie wir uns ihm öffnen, ohne zu fragen, ohne zu zweifeln, ohne auf Antworten zu warten, ohne Zögern, sondern im tiefen Glauben an uns selbst, zumindest daran, dass (auch) wir in diesem Film zuhause sind.
Schreiner und Cotroneo hatten sich ursprünglich viel vorgenommen und sie haben etwas Einzigartiges erschaffen, das auch in der Geschichte des Kinos selten ist. Sie haben uns einen offenen Film geschenkt und selbst zuvor die Chance ergriffen, sich voreinander — und dann vor uns — zu öffnen und durch die Physis, auch die des Films, ihre und unsere Herzen zum Leuchten zu bringen. Nicht alltäglich. Mühsame Kleinarbeit. Sie bedeutet Mut und Zuversicht. Und ein gerüttelt Maß an Glauben an das gute Ende. An das Mögliche. An das Zukünftige. Im Selbst und im Anderen. Im Gemeinsamen.

(Michael Pilz, 2009)

Peter Schreiner echtzeitfilm TOTO
TOTÓ echtzeitfilm Antonio Cotroneo

«Ich suche nicht die Imitation des Lebens»

TOTÓ hatte 2009 in Venedig Premiere und ist ein kleines Wunder. Zunächst sieht man nur diesen Totó, einen Mann fortgeschrittenen Alters, in einer italienischen Kleinstadt. Man sieht, wie er, oft mit dem Rücken beziehungsweise dem Hinterkopf zur Kamera, vor Gebäuden steht, sich umschaut und sich ein wenig bewegt. Man hört, wie er sich mit Passanten unterhält und gelegentlich spricht er einzelne Sätze im gebrochenen Deutsch eines Nicht-Muttersprachlers über die Bilder, halb kommentierend, halb einfach nur für sich. Oft sind das unendlich traurige, resignierte Sätze. «Es ist verboten, Dich zu zeigen, wie Du bist», lautet einer der ersten dieser Sätze.
Die Bezüge dieses Mannes, der bis auf den Spitznamen Totó unterbestimmt bleibt, zu dem Ort, durch den er sich bewegt, werden erst im Lauf der Zeit etwas klarer und auch dann bleiben sie fragmentarisch. Der Ort ist Tropea, eine Kleinstadt im Süden Kalabriens ganz unten an der Spitze des italienischen Stiefels, der Mann hat hier früher einmal gelebt, jetzt ist er auf der Suche nach etwas, dessen Inhalt er selbst nicht genau fassen kann. Noch später, erst im letzten Abschnitt dieses nur an der Oberfläche ruhig und gleichförmig vor sich hin fließenden Films, erfährt man, dass die Vergangenheit, auf die der Mann sich bezieht, eine politische war. Eine kommunistische, genauer gesagt. Mehr erfährt man nicht. Dass der Mann eigentlich nicht Totó heißt, sondern Antonio Cotroneo und ein alter Bekannter Peter Schreiners ist, der seit Jahren in Wien lebt, das kann man recherchieren, das Wissen nimmt dem Film nichts weg, fügt ihm aber auch nicht allzu viel hinzu. Der Film steht für sich.
Schreiner bewegt die Kamera nicht. Gar nicht, in keiner einzigen Einstellung. Den Ausschnitt Welt, den er gewählt hat, hält er solange fest, bis der harte Schnitt einen anderen an seine Stelle setzt. Keine Schwenks, keine Fahrten, nicht die geringste Rekadrierung. Mal läuft einer direkt vor die Linse und zwei Drittel des Bildes werden schwarz, viel öfter bewegen sich andere aus dem Frame, ragen vielleicht als Anschnitt noch ein wenig in ihn herein, verabschieden sich dann ganz und zurück bleibt eine Holzmaserung, ein Graffiti oder bloße Unschärfe. Die Einstellungen, die Schreiner wählt, sind dabei nie die naheliegenden, sie versuchen nie, Vordergrund und Hintergrund in ein Verhältnis zueinander zu setzen, das Überblick und Orientierung verschafft. Sie springen rücksichtslos von engen zu weiten Einstellungsgrößen, zeitliche Kontinuitäten gibt es gleich gar keine, die Welt muss noch einmal ganz neu dem Kameraregime untergeordnet werden, die althergebrachten Regeln für diese Unterwerfung gelten Schreiner nichts.
Vor allem gibt es immer wieder Detailaufnahmen, deren genaue räumliche Situierung unklar bleibt - und auch schlicht und einfach nicht Schreiners Punkt ist. Totós Hinterkopf, seine weißen Haare als Spur der Zeit, die im österreichischen Exil vergangen ist. Eine Fotografie, über der ein Daumen schwebt. Ein Korb mit Fischen, der in die Kamera gehalten und sanft gerüttelt wird. Erstaunlich dynamisch sind diese Einstellungen, gerade weil die Proportionen nicht den Mustern entsprechen, die man kennt. Der Vordergrund ist nicht im Hintergrund verankert, sondern er bewegt sich scheinbar autonom, fließend, verunsichernd dabei nicht nur für den Zuschauer, sondern vielleicht auch für den Portraitierten. Totó muss sich zumindest, wie es scheint, immer wieder der Materialität der Welt versichern, etwa, wenn er aus dem Zugfenster das Blatt einer Maispflanze greift, berührt, faltet. «Ich suche nicht die Imitation des Lebens», sagt er. Das ist kein einfaches Programm.
Totó bewegt sich im Film hauptsächlich durch den öffentlichen Raum. Wieder und wieder kehrt der Film zum Badestrand der Stadt zurück, wieder und wieder in den Vorraum eines Theaters. In letzterem steht Totó vor einer verspiegelten Säule und unter dem Hinweisschild «Mozartsaal», während um ihn herum die örtliche gute Gesellschaft emsig durchs Bild eilt, verdoppelt und verdreifacht durch die Spiegel, ein Vexierspiel der kulturbeflissenen Zielstrebigkeit. Einige der bittersten Sätze des Films fallen am Eingang dieses Mozartsaals. Je mehr Menschen da sind, desto weniger vermag sich Totó zu ihnen zu verhalten. Am ehesten funktioniert die Kommunikation noch mit einem älteren Mann, der ein mit Hanfblättern bedruckten Schlüsselumhänger trägt und Totó etwas erzählt von Marihuana und Paranoia.
Die Kamera bewegt sich dann gelegentlich doch, aber nur passiv, wenn Schreiner und Totó ein Fischerboot besteigen, vor allem aber, wenn sie gemeinsam mit dem Zug fahren. Das tun sie immer wieder im Film, dennoch kehrt der Film dann stets wieder ohne eine Erklärung dafür zu geben nach Tropea zurück, weiter als bis zum Bahnhof, einem weiteren öffentlichen Raum, in dem Öffentlichkeit vor allem Problem ist, kommt er nicht. Keine Bewegung von einem Ort zum anderen, sondern ein zwangsläufiger, ungerichteter Bewegungsdrang als Symptom eines problematischen Verhältnisses zur Welt. Totós Gesicht in extremer Großaufnahme vor dem schwarzen Zugfenster, über das ab und zu gespenstisch Lichtschlieren gleiten.
«Sie erlauben ihm nicht, ein Boot zu halten», meint Totó über einen Fischer, der sich mit seiner winzigen Barke abmüht. Wer «sie» sind, dazu sagt Totó - und sagt TOTÓ - nichts. Er kann nichts dazu sagen, weil ihm der sichere Grund, der Anker verloren gegangen ist. Nicht nur der Anker der Ideologie, viel allgemeiner auch der sichere Grund eines souveränen, selbstbewussten Weltbezugs, der Vordergrund und Hintergrund sinnhaft zusammenzufügen vermag. Ein wenig hat mich dieser faszinierende, dichte Film und vor allem die Art, wie Schreiners Film diesen Totó in eine ihm nicht mehr entsprechende Welt wirft, an Robert Kramers episches Amerika-Portrait ROUTE ONE - USA erinnert. Allerdings ist TOTÓ um ein vielfaches enigmatischer und diskursärmer, dem verzweifelten Vitalismus Kramers entspricht bei Schreiner ein nicht weniger verzweifelter Hyperformalismus. Und wo sich im amerikanischen Film am Ende das kaputte Amerika auf etwas außerhalb seiner selbst öffnet, nämlich auf die nicht-weißen Immigranten, die sich die Hafenstadt, in der der Doc am Ende gestrandet ist, zu eigen machen, so gibt es bei Schreiner nichts, was sich der Resignation widersetzen könnte, nichts, außer ein paar verstreute Momente transzendenter Schönheit. Es ist keine Zeit der Revolutionen, sondern eine der Satelliten, heißt es am Ende. An jedem Haus hängt einer.

(Lukas Foerster, cargo-film, 2010)

Peter Schreiner echtzeitfilm TOTO
TOTÓ echtzeitfilm Melo De Benedetto, Antonio Cotroneo

Unglaublich nahe rückt die Kamera, nicht nur ans Gesicht. Nicht einmal mit der Augenpartie begnügt sich Peter Schreiner, er zoomt sich noch weiter, auf ein Auge, auf die Lider. Ein Kamerablick, der schonungslose Aufdeckung zum Ziel hat?
Aufdecken, bloßstellen eben nicht. Denn so genau der österreichische Dokumentarfilmer beobachtet, so viel Freiräume lässt er auch. „Wir sind nur berechtigt, diesen Film zu drehen, wenn wir die Menschen nicht hintergehen. Nicht sie belauschen oder ausstellen, sondern sie atmen, bewegen, reden lassen.“ Das hat der Filmemacher, dem derzeit bei der Diagonale in Graz eine Personale gilt, über seinen 1991 gedrehten Streifen „I Cimbri“ gesagt, eine Dokumentation über eine deutsche Sprachinsel in einem Gebirgstal im Trentino.
Geduld. Das ist es, was Peter Schreiner auszeichnet, und was er auch gestern, Mittwoch, nach der Diagonale-Projektions seines jüngsten Streifens „Totó“ betont hat: „Ich komme auf eine Spur und der Film entwickelt sich.“ Dieser Vorgang sei das eigentlich Spannende.
Geduld. Die braucht man durchaus auch als Zuseher. 128 Minuten ist „Totó“ lang, und es wäre übertrieben zu sagen, dass die Zeit wie im Flug vergeht. Soll sie auch nicht, denn schließlich ist das Thema eines, das Zeit braucht und reifen will. Totó heißt eigentlich Antonio Cotroneo. Er ist studierter Politologe, aber sein „Job“ ist Billeteur im Wiener Konzerthaus. Da hat man Zeit, zu beobachten und in sich hinein zu hören. Und die innere Stimme hat Totó, der viel herumgekommen ist im Lauf seines Lebens, vermutlich zugeflüstert: Such Deine Wurzeln. Oder in Totos gebrochenem Deutsch: „Mir ist vermisst, zurückzukommen.“
Die liegen im süditalienischen Kalabrien, nahe Tropea. Touristen fahren dort gerne hin, suchen eine malerische Altstadt auf dem Felsen. Totó aber sucht sich selbst, das Ich, seine Wurzeln und damit seine Verortung. Die hätte er durchaus notwendig, er, der zwischen Kalabrien und Wien an vielen Orten gelebt hat. Extreme Nahaufnahme und zugleich Fokussierung auf Hintergründe, die viel vom Umfeld mitteilen. Ein starker „Soundtrack“ aus dem schweren Atem des Protagonisten und ungefilterten Hintergrundgeräuschen. Es ist ein Auf und Ab, der jeweiligen Stimmungslage des Beobachteten entsprechend. Heimat wieder finden, zurückerobern? Unmöglich.
27 Jahre lang kenne er Totó, erzählt Peter Schreiner. Mit 120 Stunden Bildmaterial sei er von neun oder zehn Bahnreisen nach Kalabrien heim gekommen. Da war also ausreichend Zeit, Totó zu beobachten. Der Kalabrese ist ein langsamer, aber genauer Denker. Ein Bruchstück-Philosoph. Keiner hat ihn gedrängt oder bedrängt. Das ist selten heutzutage. „Als Filmemacher sehe ich mich als ersten Zuschauer“, sagt Peter Schreiner, und: „Ohne Staunen kann man keinen Film machen.“ (...)
„Grelles Licht“ hat Schreiners erster Film geheißen - 1982 war das, und er beobachtete damals seine Familie, seine Freunde. Auch „Erste Liebe“ und „Kinderfilm“ entstanden in den achtziger Jahren und fokussierten Beobachtungen in der eigenen Nähe. „Bellavista“ (2006), „I Cimbri“ (1991) - das sind Beiträge zum Thema „Heimat“, die ganz unzeitgeistig und vor allem unromantisch und jedenfalls ohne jede Polemik ein großes Thema unserer Zeit fassen. So wie eben auch „Totó“, diesmal von anderer Seite, aus der Sicht eines Migranten.
Erdgebunden, unaufgeregt ist das alles. Und von der Perspektive im Gegensatz zur technischen Machart keineswegs schwarzweiß. Vermeintlichen „Kommentaren“ seitens des Filmemachers steht Peter Schreiner sehr skeptisch gegenüber. „Die Dinge entstehen von selbst“, lautet sein Credo. Er delegiert lieber an jene, die er beobachtet: „Mir entspricht eher das Fragen-Formulieren als das Antworten-Finden“, versichert er. „Durch das Filmemachen bin ich befreit davon, ständig denken zu müssen.“


(Reinhard Kriechbaum, Drehpunkt Kultur, 2010)

TOTO  echtzeitfilm   Peter Schreiner
TOTO echtzeitfilm

cast:
Antonio Cotroneo, Angela Simonelli, Gaetano Dimarzo, Melo De Benedetto


further:
Annibale Pirro, Antonio Blasa, Antonio Dicosta, Antonio Pisera, Billy Buttafuoco, Ciccio Il Grande, Franco Fazzari, Giuseppe Pandullo, Mimmo Latorre, Nicola De Lorenzo, Orlando Padula, Padre Marian, Paolo Calamita, Pasquale Lorenzo and many others


special appearance:
Heinz Fischer, Federal President


the song "Tata ca muoru" interpreted by:
Antonio Cotroneo


thanks to:
Adele Proto, Anna Gasser, Antonio Deluca, Brigitta Burger-Utzer, Doris Brandner, Enzo Cotroneo, Enzo Godano, Gerald Groß, Hans-Peter Anzinger, Judith Helmer, Karl Hufnagl, Leo Schreiner, Lino Cotroneo, Michael Pilz,

Mimma Cotroneo, Olaf Möller, Paul Schreiner, Rosa Addolorato, Stefan Aschenberger, Ursi Schreiner,
Angela Proto, Angiola Agosto, Antonio Del Vecchio, Antonio Il Grande, Antonio Mazzitelli, Carmela Addolorato, Corrado Salvatore, Daniela Belenses, Domenico Russo, Elisabeth Reischl, Filomena Marchese, Francesco Callisto, Francesco Certo, Francesco Dicosta, Francesco Seva, Franco Cricelli, Franco Laureana, Gabriella Sisalli, Georg Schwarz, Gino Muzzupappa, Giovanni Gallisto, Giuseppe Meligrana, Giuseppe Taccone, Giuseppe Zangone, Karl Schrumpf, Laura Addolorato, Lucia Gallisto, Maria Addolorato, Mario Lorenzo, Michele Callisto, Michele Furci, Monica Lascano, Pasquale D’Agostino, Pasquale Dimarzo, Rina Ostone, Padre Giuseppe, Pasqualino Addolorato, Raffaello Regni, Roberto Devita, Salvatore Gagliano, Saverio Gallisto, Salvatore Libertino, Salvatore Schiariti, Saverio Laruffa, Sergi Attilio, Tommaso Barini, inhabitants of Rione Carmine, Alimentari Pandullo, Bar "Il Vagabondo", Bar „Lido Azzurro“, Bar „Mare Grande“, Bar „Mimmo“, Wiener Konzerthausgesellschaft,

Bar Zanoni, Vienna


translations:
Antonio Cotroneo, Sabine Rachbauer, Maria Schreiner, Rodolfo Cotroneo, Martino Cotroneo


system supervision:
Susanne Schreiner, Peter Schreiner


image processing, sound mix:
Schreiner, Kastler – Büro für Kommunikation GmbH


sound-mastering:
Tremens-Film Tonstudio GmbH


re-recording, FAZ, titles:
Herbert Fischer, Listo-Videofilm GmbH


production management:
Susanne Schreiner, Gerhard Kastler


collaboration:
Maria Schreiner, Antonio Cotroneo


concept, realisation, cinematography, sound, editing:
Peter Schreiner


production:
echt.zeit.film


supported by:
Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur

Wien-Kultur

shooting format:


DV / standard definition / 16:9 anamorphotic

 


screening format:


35mm / bw / 1:1,85 / Dolby Digital/
german, english, italian subtitles / Dolby Digital

 

 

available prints:

 

1)  35mm, 1:1,85, black and white, Dolby Digital, mono,
english subtitles

 

2)  35mm, 1:1,85, black and white, Dolby Digital, mono, 
german subtitles


3)  BlurayDisc, HD, 16:9,
english subtitles

4)  H.264 file, HD, 16:9,
english subtitles

5)  DVD-SL / -DL, 16:9,

english subtitles

Arbeits-Fotos

work photos

Plakat

poster

TOTÓ by Peter Schreiner echtzeitfilm

all texts, videos, pictures, document presentations etc. may be used, as long as the origin is marked by a link to www.echtzeitfilm.at

and no commercial aim is pursued.